Schulabsentismus
- verfasst von Sabine Kern
- 14. Apr.
- 6 Min. Lesezeit
Ausschlaggebend für diesen Blogeintrag ist eine Sendung des Schweizer Fernsehens SRF zum Thema Schulabsentismus (Rundschau vom 2.4.2025).
Einige Aussagen aus dieser Sendung dienen mir in diesem Beitrag als Untertitel. Sie haben mich aufhorchen lassen und ich möchte hierzu Stellung beziehen, denn ich finde, in Sachen Schule und Bildung sollten dringend neue (Denk-)Räume geöffnet werden.
„Kinder sind ein Spiegel der Gesellschaft.“
Diese Aussage wird in der Sendung nicht genauer ausgeführt, weshalb ich dies hier tun möchte.
Die „Diagnose Schulabsentismus“ ist ein Symptom des ganzen Gesellschaftssystems. Die Schule ist nur eine Ausprägung davon.
In einer Gesellschaft, die darauf ausgelegt ist, dass ihre Mitglieder stillschweigend funktionieren, kann die Schule nur genau dies einfordern. Die Persönlichkeit des Kindes soll am besten an der Garderobe abgegeben werden. Nur so kann es sich in 45-Minuten-Lektionen (die jeden Lernprozess unterbrechen!), nicht vorhandene Privatsphäre (oft nicht einmal auf der Toilette) und ständig vorgegebene Denkprozesse mit ständiger Bewertung einfügen ohne aufmüpfig zu werden.
Ein höchst aktuelles Beispiel hierzu: Ein Kind findet bei einer Mathematik-Aufgabe mit einem eigenen Rechenweg schneller die richtige Lösung, als mit dem Weg, den das Lehrmittel vorgibt. Im besten Fall wird anerkannt, dass die Lösung richtig ist, jedoch wird mehr oder minder drängend darauf hingewiesen, dass es (das Kind) sich doch bitte ab sofort an den vorgegebenen Rechenweg halten solle.
In welchem Unternehmen würde eine innovative, effizientere Arbeitsweise mit korrektem Ergebnis unter den Tisch gekehrt werden? Genau dies wäre doch gefragt! Wird aber grundsätzlich in der Schule nicht gefördert. Weil es nicht kontrollierbar ist.
Die perfekte Vorbereitung auf einen nine-to-five-job.
Im Erwachsenenalter führt dies in einer steigenden Anzahl von Fällen zu Unzufriedenheit am Arbeitsplatz, wo nur noch Dienst nach Vorschrift gemacht wird. Dazu gibt es bereits einige Studien.
„Wer Schule neu denken möchte, muss Gesellschaft neu denken.“ -Uwe Albrecht
Es hilft also niemandem, wenn wir die Kinder zu Klienten machen, nur weil sie sich diesem Theaterstück verweigern.
SIE SIND NICHT FALSCH mit ihren Ängsten! Sie drücken genau das aus, woran unsere Gesellschaft krankt.
„Irgendwo zwischen Kind, Eltern und Schule laufe etwas schief. Denn ein Kind wolle lernen.“
Hier wird impliziert, dass die Schule ein Ort zum Lernen sei. Nun, in einer idealen Welt sollte dies so sein. Jedoch: Was ist unsere Schule?
Höchst erfolgreiche natürliche Lernprozesse, wie die des Spiels, werden mit dem Eintritt in die Schule unterbrochen. Es herrscht (komplette) Fremdbestimmung statt intrinsischer Motivation. Mit der weit verbreiteten Ansicht, man müsse Kinder zum Lernen zwingen, ignoriert man beispielsweise die erfolgreiche Aneignung der Muttersprache (ohne Grammatikbüffeln!!!) oder das Laufen lernen (ohne externe Anleitung) oder das Auswendiglernen von Hunderten von Pokémon (nebenbei, ohne jeglichen Zwang) oder den Willen zum „Bauen des höchsten Turmes überhaupt“ aus Bauklötzen. Unser Gehirn erbringt Höchstleistungen, wir geraten in einen Flow-Zustand und die Synapsen haben ordentlich zu tun. Wir lernen unentwegt und suchen ständig Lösungen. Genau dafür ist unser Gehirn natürlicherweise gemacht.
Auch wenn wir eine Ausrede dafür suchen müssen, warum wir unsere Hausaufgaben nicht gemacht haben.
Das Wohlbefinden unserer Kinder in der Schule hängt hochgradig davon ab, wer vor der Klasse steht. Die Beziehung kommt immer vor dem Lernen, bzw. das Lernen hängt in hohem Mass von der Beziehung ab. John Hattie bezeichnet die Lehrpersonen als „wichtigste Akteure im Bildungsprozess“ und zwar in dem Sinne, dass ihr Wirken mit ihren Einstellungen und Erwartungen zusammenhängt. (Hattie, 2020)
Ich, als Lehrerin, weiss aus eigener Erfahrung, dass es oft einen unglaublich breiten Rücken braucht, um im Schulalltag die wahren Bedürfnisse der Kinder ins Zentrum meines Tuns zu stellen. Viele Vorgaben, teils basierend auf Schulgesetzen, haben eben nicht das Wohlbefinden und effiziente Lernprozesse der Kinder im Fokus, sondern sind auf Kontrolle ausgerichtet.
Wie viele leidenschaftliche und inspirierte Lehrpersonen haben bereits deswegen das Handtuch geworfen?
Wer untersucht den Schulabsentismus bei Lehrerinnen und Lehrern? Sei es durch Krankschreibung oder Kündigung?
Wir müssen uns dringend von der Vorstellung verabschieden, dass Lernen ein kontrollierbarer Prozess ist!
„Es entsteht viel Ohnmacht im System.“
Genau! Deshalb nun ein paar hoffentlich hilfreiche Hinweise für alle, die Kinder in dieser schwierigen Phase begleiten.
In meiner Begleitung von Kindern, welche die Schule verweigern habe ich die Erfahrung gemacht, dass es von zentraler Bedeutung ist, ihnen wieder zum Gefühl zu verhelfen, dass sie richtig sind. Mit allem, was dazu gehört. Und dass sie geliebt werden, so wie sie sind. Bedingungslos. Punkt.
Aus dem Kind muss GAR NICHTS WERDEN. Es ist schon gut so, wie es ist.
Ich bitte alle, die Kinder ein Stück des Weges begleiten, hier einzutauchen: Wir müssen nichts aus den Kindern machen. Sie können sich selbst entfalten, wenn wir sie lassen.
„Kinder entwickeln Störungen, wenn wir sie in ihrer Entwicklung stören.“ -Gunda Frey
Ich höre schon die zweifelnden (inneren) Stimmen, die befürchten, dass „aus dem Kind doch nichts wird, wenn man es einfach sein lässt“.
Kennt ihr die Karrikatur von Hans Traxler?
Was soll aus dem Kind werden, wenn es ein Fisch ist? Ein Affe? Solche Versuche können nur weh tun.

„Am Ende muss jeder Fall individuell gelöst werden.“
Auf jeden Fall! Es gibt keine Lösung oder Therapie, die für alle passt.
Trotzdem gibt es grundlegende Erkenntnisse, die sehr hilfreich sein können, um den individuellen Weg für jedes Kind zu finden:
Es gibt 4 psychische Grundbedürfnisse (nach Gunda Frey):
Verbundenheit, Liebe
Orientierung, Kontrolle, Sicherheit
Erhöhung des Selbstwerts, Erfolg
Lustgewinn, Spass haben
Nur wenn alle vier Grundbedürfnisse einigermassen erfüllt sind, können wir sicher stehen. Und nur dann können wir lernen!
Dazu ein Beispiel:
Eine Jugendliche ist sehr stark damit beschäftigt, während des Unterrichts Zettelchen zu schreiben, Blickkontakt zu gewissen Leuten zu suchen, etc.
Ihr Gehirn ist dermassen damit beschäftigt, ihre Stellung in der Klasse zu sichern, dass es keine Kapazität fürs Lernen hat.
Ihr Grundbedürfnis nach Verbundenheit und nach Sicherheit ist nicht befriedigt.
Jedes Verhalten hat seinen guten Grund. Es geht darum, hinzuschauen und ihn zu verstehen. Nicht zu verurteilen. Und dann nach Lösungen zu suchen.
Nun kann ich als Elternteil die Situation in der Schule nicht -oder nur bedingt- ändern, ABER ich kann meinem Kind helfen, indem ich zu Hause einen sicheren Raum schaffe, der Schule einen angemessenen Stellenwert gebe („Durchkommen reicht!“) und mein Kind in seinen eigenen Interessen und Hobbys unterstütze.
Es braucht im Leben meist nur wenig schulische Mathematik oder französische Vokabeln, dafür ganz viel psychische und emotionale Reife. Diese wird natürlich entwickelt, wenn diese Entwicklungsprozesse nicht ins Stocken geraten, z.B. durch Traumata.
Die Bedingungen für die ungestörte Entwicklung zu schaffen, ist unsere Aufgabe als fürsorgliche BegleiterInnen der Kinder.
Konkrete Sofortmassnahmen zur Unterstützung:
In der Sendung wurde auf die Möglichkeit einer psychiatrischen Spitex hingewiesen, welche die Familie in dieser herausfordernden Zeit unterstützen kann.
Manchmal gibt es die Möglichkeit einer zeitweisen Einzelschulung, bis eine andere Lösung gefunden wird. Dies ist von der Gemeinde abhängig, oft sehr kostenintensiv.
Falls der Besuch einer Privatschule nicht möglich ist, könnte man sich die Möglichkeit des Homeschoolings überlegen. Offiziell heisst es (häuslicher) Privatunterricht, der in vielen Kantonen erlaubt ist. Informationen darüber findet man z.B. beim Verein „Bildung zu Hause“ oder dem Verein „PIU“.
Eltern-, bzw. Familiencoaching,
Egal, ob die Kinder (irgendwann) wieder in die Schule zurück müssen oder eine andere Lösung gefunden werden kann, es braucht eine Haltung des grundsätzlichen Vertrauens, gepaart mit bedingungsloser Liebe, egal wie die äusseren Umstände sind.
Kinder fühlen diese Haltung!
Es geht dabei nicht um eine Laisser-faire-Haltung!
Ich muss nicht alles toll finden, was das Kind macht. Ich darf und muss Kritik üben und mich nicht für alle Launen zur Verfügung stellen.
Aber ich gebe dem Kind das Gefühl von Sicherheit. Einen Raum, in dem es sein kann, wie es ist - mit allem, was seine Persönlichkeit bereit hält. Ohne Urteil oder Ablehnung seiner selbst!
Mit diesem sicheren Raum im Gepäck kann das Kind sich hoffentlich wieder hinaus (in die Schule) wagen und das, was dort passiert nicht mehr auf sein innerstes Wesen beziehen. „Ich muss nicht gut in Mathe sein, um geliebt zu werden.“ „Ich bin in Sicherheit, auch wenn ein paar Mitschüler mich blöd finden.“
Lasst uns sichere Räume für unsere Kinder schaffen! So, dass sie ihr grösstmögliches Potential entfalten können!
Denn nur so kommen wir von unserem derzeit kranken Gesellschaftssystem zu einem friedlichen Miteinander und Begegnungen auf Augenhöhe.
Lektüretipps und Links:
John Taylor Gatto: „Verdummt noch mal“ (2003)
John Taylor Gatto (1935-2018) war ein amerikanischer Lehrer und Autor, bekannt für seine Kritik am Schulsystem. Er setzte sich für alternative Bildungskonzepte ein und gewann mehrfach den „Teacher of the year“-Preis in New York. Sein Buch „Dumbing us Down“ erschien 1992.
John Hattie: „Lernen sichtbar machen für Lehrpersonen“ (2012)
John Hattie (*1950) ist ein neuseeländischer Bildungsforscher, bekannt für seine Meta-Studien zu Einflussfaktoren auf den Bildungserfolg. Sein Buch „Visible Learning“ (2008) erregte international viel Aufmerksamkeit.
Andreas Müller: „Die Schule schwänzt das Lernen“ (2013)
Andreas Müller (1950-2018) ist ein Schweizer Pädagoge und Bildungsreformer. Er setzte sich für eine Neugestaltung des Bildungssystems ein.
Gunda Frey ist eine deutsche Kinder und Jugendlichen-Psychotherapeutin, sowie Traumatherapeutin. Sie leitet die FreyMut Academy, bietet Ausbildungen in Traumatherapie an und betreibt den Podcast „Entwicklungssprünge“.
Verein PIU: https://www.piu.li
Verein Bildung zu Hause: https://bildungzuhause.ch
Eltern- oder Familiencoaching: www.entfaltungstraum.ch, www.bindungsbasiert.ch, https://map.innerwise.com
Workshops und Hintergrundwissen zum Thema Kinder/ Jugendliche begleiten: www.entfaltungstraum.ch, www.bindungsbasiert.ch
Schweizer Fernsehen: Beiträge zum Thema Schulabsentismus: https://www.srf.ch/news/schweiz/schulabsentismus-angst-stress-druck-wenn-kinder-nicht-mehr-zur-schule-gehen