Fühlst du dich manchmal auf dem Holzweg?

Ich war unterwegs mit dem Hund einer befreundeten Familie. Ein warmer Herbsttag. Ich genoss die frische Luft und Kühle des Waldes, der Hund schnüffelte voraus - und plötzlich hörte der Weg einfach auf. Kein Warnschild, kein Wegweiser. Nur Dickicht. Ein klassischer Holzweg. Und während ich da stand, zwischen Farn, Asthaufen und ohne Aussicht auf eine Weiterführung des Weges, kam mir ein Gedanke.
Wege entstehen nicht von selbst. Sie entstehen dadurch, dass jemand sie geht. Ganz am Anfang steht immer ein einzelner Mensch - ein Pionier -, der sich ins Unbekannte wagt und eine Richtung zeigt, die es vorher nicht gab.
Wenn andere folgen, wird aus der Spur ein Trampelpfad. Folgen noch weitere, wird aus dem Trampelpfad eine Strasse. Und irgendwann, wenn viele Menschen lange genug diesen Weg gehen, kann daraus eine Autobahn werden. Breit, geteert, gut beleuchtet, mit Leitplanken auf beiden Seiten. Man muss den Weg nicht mehr suchen, sondern kann einfach fahren - manchmal ohne zu denken.
Nun, wir folgen alle in unserem Leben gewissen Autobahnen. Sie machen das Leben leichter.
Problematisch wird dies aus meiner Sicht, wenn wir anderen Menschen das Recht absprechen wollen, ihrem eigenen Weg zu folgen.
Wir sind in Systeme hineingeboren worden, in welchen viele Autobahnen bereits angelegt waren, bevor wir uns selbst fragen konnten (und durften), welcher Weg für uns der richtige ist. So folgten wir den vorgegebenen Routen, oft ohne sie zu hinterfragen.
Die wichtigste Frage diesbezüglich ist für mich: Zu welchem Zweck wurden diese Autobahnen gebaut? Wem dienen sie?
Du kannst dieses Bild auf verschiedene Lebensbereiche anwenden. Hier liegt mein Fokus natürlich auf der Begleitung unserer Kinder.
Ich habe in den letzten Jahren viele Familien kennengelernt, die sich aufgemacht haben, um neue Wege zu beschreiten. Sei es in Bezug auf Schule, Erziehung oder allgemein ihre Art zu leben. Sie hinterfragen die Autobahn, die Leistung oder anderweitig Performance fordert und fördert. Die gebaut wurde für Effizienz, für Vergleichbarkeit, für ein System - nicht für das einzelne Kind oder die Familie, die auf ihr fährt.
Und hier beginnt für mich der eigentliche Gedanke jenes Waldspaziergangs: Es braucht MUT, die Autobahn zu verlassen. Nicht, weil sie grundsätzlich falsch ist. Manchmal führt sie durchaus irgendwohin, wo man auch hin will.
Sondern weil sie nur EINE Richtung kennt, während Kinder, Familien und Beziehungen unzählige verschiedene Richtungen brauchen könnten. Statt einer einzigen grossen Strasse für alle braucht es viele individuelle Pfade.
Und es braucht noch etwas: Die Wege der anderen zu akzeptieren.
Nicht zu verurteilen, wenn jemand einen anderen Pfad wählt als man selbst. Ihn machen zu lassen, auch wenn sein Weg krumm aussieht, steil, ungewohnt - oder scheinbar geradewegs in ein Dickicht führt.
Wer einen eigenen Weg geht, landet manchmal genau dort, wo ich auf meinem Waldspaziergang stand: auf einem Holzweg. In einer Sackgasse.
Und ich möchte hier etwas sehr deutlich sagen, weil ich es in meiner Arbeit mit Eltern und Begleitern von Kindern immer wieder erlebe. Es ist genau diese Angst vor dem vermeintlichen Scheitern, die lähmt. Ein Holzweg ist kein Versagen. Er ist kein Beweis dafür, dass man etwas falsch gemacht hat, dass man hätte auf der Autobahn bleiben sollen. Ein Holzweg ist einfach das, was passieren kann, wenn man einen Weg geht, den vor einem noch niemand für einen selbst gegangen ist.
Man hat dann zwei ehrliche Möglichkeiten, und beide sind völlig in Ordnung:
- Man kann sich durchs Dickicht schlagen, wenn es sich stimmig anfühlt, weiterzugehen.
- Man kann umkehren, ein Stück zurückgehen und von dort aus einen anderen Pfad suchen.
Kein Scheitern liegt in beiden Möglichkeiten, nur Erfahrungen.
Für die Begleitung von Kindern bedeutet das für mich:
Es gibt keine fertige Karte, die für jedes Kind gilt. Es gibt keine EINE richtige Autobahn zur „gesunden Entwicklung“. Es gibt nur das eigene, oft zögerliche Gehen: hineinspüren, ausprobieren, manchmal in eine Sackgasse laufen, umkehren, es anders versuchen.
Und die Bereitschaft, anderen Eltern, anderen Pädagogen, anderen Pionieren, ihren eigenen (Holz-)Weg zuzugestehen, ohne ihn zu bewerten.
Das ist, glaube ich, das grössere Prinzip hinter meinem Waldspaziergang. Bewusste Kindbegleitung heisst nicht, den einen richtigen Weg zu finden. Sie heisst, den Mut zu entwickeln, den eigenen Weg überhaupt erst zu gehen, wissend, dass Dickicht dazugehört.

